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Oskar ChmiołaPraxis / Prozess / Archiv
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Künstlerisches Statement

Originalseite · 2017-05-11Originaladresse

Arbeitsübersetzung. Das Originalmaterial ist oben verfügbar.


Oskar Chmioła (OCh)
geb. am 9. März 1987 in Lublin (lebt und arbeitet seit 2014 in Szczecin)
Bildender Künstler, Konzeptkünstler, gesellschaftlich Engagierter, Kulturvermittler, Designer, Therapeut, Lehrer.
.

In seiner künstlerischen Arbeit konzentriert er sich darauf, Performativität aufzuzeigen,
also den fortwährenden Prozess der selbsttätigen Aktualisierung des menschlichen Status quo,
der die Gesellschaft von den Zwängen der Illusionen und auferlegten Ordnungen unabhängig macht.

„Der Mensch ereignet sich und ist niemals abgeschlossen“
OCh

Je nach Kontext arbeitet Oskar Chmioła in dem Bereich der Kunst, der es ihm am besten ermöglicht, menschliche Freiheit, Unendlichkeit und Unabhängigkeit sichtbar zu machen. Diese Werte veranschaulicht er zumeist durch Performances, Aktionen, Konzepte, Äußerungen und Dokumente. Häufig arbeitet er im Kontext eines bestimmten Ortes und/oder Themas und betreibt künstlerische Recherche, um dem Wesen der betreffenden Frage nachzugehen und seine individuelle Reaktion auf die entdeckten Bedeutungen zu vermitteln – stets in einer Form, die unmittelbar aus diesem Prozess hervorgeht. Er vollzieht niemals zwei gleiche schöpferische Akte, da er sie als ewig unvollendet betrachtet. Jede seiner Performances, jedes Konzept, jeder Text, Film oder jedes Bild hat einen anderen Inhalt und Verlauf, ist aber immer ein Ausdruck der Unendlichkeit. Er versteht sein Schaffen rein prozessual, was sich aus dem Wesen der Performativität selbst ergibt. Er vermeidet es, Vorgehensweisen zu wiederholen oder etwas zu schaffen, das dem ähnelt, was er schon gesehen hat, denn das Ziel seiner Kunst ist letztlich das Schaffen und nicht das Nachbilden. Je nach dem aufgegriffenen Problemkontext, dem räumlich-zeitlichen oder mentalen Zusammenhang vollzieht er einen metabegrifflichen schöpferischen Prozess, in dem Inhalt und Form eine Einheit bilden und lediglich den Ausgangspunkt für etwas Weiteres darstellen. In der Kunst strebt er nicht danach, Kunstwerke zu produzieren. Er betrachtet den Kunstmarkt ebenso wie die gesamte Massenkultur als bloßes Spiel des Scheins, als Praxis von Träumern. Ihn interessieren der authentische Kontakt mit der Wirklichkeit und die Erfahrung von Freiheit, die er mit der Freiheit gleichsetzt, gewöhnlich, einfach, anders, seltsam, schwach, sanft, unvollkommen, irrend, suchend, wandelbar, unabhängig, unmodisch usw. sein zu dürfen. Seiner Ansicht nach hütet die Kunst den menschlichen Geist in Zeiten von Bots, Fake News, Trollen, Simulationen, Unfruchtbarkeit und Erfahrungen auf dem Papier, die aus einer durch überzogene Normen und künstlich aufgeblähte Bedürfnisse verursachten Zerrüttung hervorgehen.

 

Dokumentation der Performance „Schody do nieba“ vor der Marienbasilika in Gdańsk,
27 Pfeiler im Abstand von je 2,8 Metern = 78 Meter Höhe des Turms dieser Basilika – (Foto und Ausführung: O Ch)

O.Ch ist Urheber zahlreicher künstlerischer Auftritte, Aktionen und Ausstellungen. Er entwickelte und verbreitet die künstlerischen Konzepte „Turystyka performerska“, „CzasoPrzestrzeń Performance“, „Perfoterapia“, „Prefonemy“, „Swobodna aktywność“, „Komunikacja performerska“, „Psψchoperformance“, „Kino Performatywne“, „Komunikacja performatywna“, „Swobodna aktywność“, „IndywiduAkcja“. Er arbeitet in unterschiedlichen Bereichen der Kunst, die er meist in Aktionen der Performancekunst miteinander verbindet; diese betrachtet er als das reichhaltigste künstlerische Medium.

Er macht Hochkultur auch durch soziale und kunsttherapeutische Aktivitäten zugänglich: Seit vielen Jahren leitet er in Szczecin künstlerische Workshops, kunsttherapeutische Angebote und inklusive Auftritte für Kinder, Jugendliche und Erwachsene („Turystyka artystyczna“, „Hipertekst“, „Wyspy“, Projekte des Vereins A TO MY). Sein Artikel „Co to jest performance?“ wurde in der Gazeta Polska veröffentlicht. Er arbeitete mit der Kulturabteilung des Bezirks Wawer der Hauptstadt Warszawa zusammen und erhielt Räume für die Durchführung des einjährigen Projekts „Przestrzeń Performance“ in der Wawerska Strefa Kultury. Er kuratiert Ausstellungen (u. a. Przestrzeń sensoryczna), führt Regie bei Aktionen (z. B. Przy drzwiach zamkniętych), Happenings (z. B. Niebieski Świat) und Bühnenformen (z. B. Przy drzwiach zamkniętych oder Ogród Wyciszenia).

Im Alltag arbeitet er mit Kindern im Verbund der therapeutischen Kindergärten „Dzwoneczek“ und mit Erwachsenen im Verein A TO MY, wo er entsprechend der Philosophie des TEACCH-Modells „Kreativitätsunterricht“ anbietet. Bei der Vorbereitung inklusiver Auftritte setzt er in der Arbeit mit autistischen Menschen unterschiedlichen Alters materialbezogene und räumliche Aktionen sowie Interaktion durch Performance ein. Er gehört dem Vorstand des Vereins A TO MY an, der sich für Menschen mit Autismus engagiert. Er entwirft pädagogische Hilfsmittel für die Unterstützte Kommunikation (AAC), unter anderem auf Grundlage des Systems Pictogram Ideogram Communication.

Er studierte an der Akademie der Bildenden Künste in Warszawa, wo er an der Fakultät für Kunst der neuen Medien einen Erstabschluss in Kamerakunst und Kameratechnik erwarb, sowie an der Universität Szczecin, der Hochschule für Geisteswissenschaften und der Hochschule für Management und Unternehmertum, an denen er eine Ausbildung in Therapie und Pädagogik erhielt (Magister der Pädagogik mit korrektiver und kompensatorischer Gymnastik sowie Therapeut für Menschen aus dem Autismus-Spektrum). Er absolvierte Fortbildungen in Choreotherapie, Programmieren, PEPR, AAC und TUS.

Derzeit arbeitet er an einem zweiten Film auf Grundlage der ideellen Voraussetzungen, die er in seinem „Manifest kina performatywnego“ umrissen hat.

Mit folgenden Stipendien ausgezeichnet:
2022 – Stipendium aus dem Fonds zur Förderung des künstlerischen Schaffens von ZAiKS,
2020 – Stipendium der Stadtgemeinde Sopot für Personen, die künstlerisch tätig sind
und Kultur vermitteln,
2019 – Kulturstipendium der Stadt Gdańsk,
2017 – Kunststipendium des Marschalls der Woiwodschaft Zachodniopomorskie.

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Performance „Woda- pragnienie“ im Zentrum für Internationale Zusammenarbeit in Grodno, 2021.

Die Performance ist, ebenso wie der Mensch, ein unendliches Paradigma. Sie überschreitet fortwährend ihre eigenen Eigenschaften und entzieht sich einer endgültigen Benennung. Ihr Wesen ist die „Bewegung“, sowohl im physischen als auch im metaphysischen Sinn. Zudem ist jede Performance (wie jeder Mensch) anders, selbst wenn sie auf dieselbe Weise ausgeführt wird.

OCh widerspricht einem Verständnis des Wortes Performance als fortwährendem Streben nach Verbesserung. Performance sollte vielmehr als fortwährendes Streben nach Überschreitung verstanden werden, was sich nicht zwangsläufig auf Professionalisierung, Vervollkommnung oder die Anhebung von Standards beziehen muss: Es ist einfach Bewegung, Veränderung, Neudefinition, Aktualisierung des Status quo. Er versteht dies als Annäherung an ein Ideal in der jeweiligen mentalen Situation des Schaffenden und bezeichnet es als asymptotischen Prozess.

Die Natur ist dank ihrer Vielfalt in Bewegung, und Vielfalt entsteht aus Rissen, Lücken, Ungleichheiten und positiver Unvollkommenheit. Der Mensch hat das Recht, schwach, wandelbar und unvollkommen zu sein; mehr noch: Das ist seine Natur, weil er einen Körper hat. Selbst die Verbesserung des Körpers vermag daran niemals etwas zu ändern, denn neben dem Körper besitzt der Mensch auch Bewusstsein, und man müsste die menschliche Empfindsamkeit auslöschen, damit die Vielfalt aus der Welt verschwände. Unvollkommenheit bedeutet in diesem Licht, dass es kein Ideal gibt, das erreicht werden muss. Die Vielfalt selbst ist eine Voraussetzung für die Einzigartigkeit und Freiheit des Menschen, denn der Mensch ereignet sich: Er ist ein lebendiges, performendes Potenzial mit unendlichen Möglichkeiten. Nicht das Ziel, sondern der Prozess dieses Performens ist sein größter Wert. Alle menschlichen Erzeugnisse sind somit nur kleine Teilchen des menschlichen Schaffens als Ganzem. Und genau damit beschäftigen sich Künstler; darüber lohnt es sich zu sprechen. Werke sollten als Belege und Zeugnisse jener einzigartigen ASYMPTOTE verstanden werden, die in der Leidenschaft des schöpferischen Prozesses besteht. Nicht das Werk ist das Wesen der Kunst, sondern der schöpferische Akt und seine Bedeutung. Losgelöst davon wird das Werk zu einer leeren Hülle oder einer Muschel, in der man ein Rauschen hört, ohne zu wissen, ob es noch das Rauschen der Meereswellen oder das Blutrauschen des Zuhörenden ist. Und obwohl das weiterhin schön ist, werden Muscheln schnell zu bloßen Dekorationselementen; Kunstwerke sollten dies hingegen nicht werden, es sei denn, sie wurden mit dieser Absicht geschaffen. Kunstwerke sind für die Menschheit von ungeheurer Bedeutung, denn sie dienen nicht allein körperlichen Zwecken, dem Geldverdienen oder der Unterhaltung, sondern metaphysischen, psychologischen und morphogenetischen Zwecken. Daher sollte man Kunstwerke hoch schätzen. Andererseits stellt sich die Frage, ob es nicht eine Überproduktion von Werken gibt und ob sie weiterhin ein Gut für alle sind oder nur für 1 % der Auserwählten beziehungsweise Eingeweihten.

Der Künstler schafft Werke, die das Ergebnis seines schöpferischen Prozesses sind und keinen Selbstzweck darstellen. Das Verständnis dieses Satzes verändert das Paradigma und lenkt den Blick einerseits auf die Grundlagen der Entstehung eines Werkes, auf den Zustand von Geist, Denken und Körper, der den Schaffenden im Moment des Schaffens begleitet hat. Zugleich zeigt es, dass der Rezipient darüber entscheidet, welchen Wert ein Werk tatsächlich besitzt: In einem bestimmten Augenblick konfrontiert er seinen Erfahrungsschatz und seine aktuelle Verfassung mit dem Werk, das eine verdichtete Essenz solcher Inhalte ist. Der Wert eines Werkes liegt darin, ob es auf den jeweiligen Betrachter wirkt, ob es mit dessen Psyche, Körperlichkeit und/oder Geist in Resonanz tritt. Andererseits lenkt der erste Satz dieses Absatzes die Aufmerksamkeit darauf, dass es nicht darum geht, viele Kunstwerke zu produzieren, mit denen man Geld verdienen und berühmt oder anerkannt werden kann, sondern um den schöpferischen Akt selbst, seine Dynamik, Energie, seinen Charakter, seine Aufrichtigkeit, Einzigartigkeit und Einfachheit. Erst unter solchen Bedingungen entstehen Werke hoher Kunst, und es liegt in der großen Verantwortung des Künstlers, seiner eigenen Asymptote treu zu bleiben.

Oskar Chmioła schafft fast ausschließlich ephemere, konzeptuelle, digitale und prozessuale Werke. Das liegt nicht nur daran, dass er in seinem Leben durch Schicksalsschläge wiederholt verschiedene künstlerische Erzeugnisse und Objekte verloren hat, die er als Werke betrachtete. Ihm liegt auch daran, durch diese Art des Schaffens zu vermitteln, dass Kunst nicht nur materiell ist, sondern eine über das Materielle hinausgehende Dimension hat, die sich im Prozess ausdrückt. Der Mensch ereignet sich und ist niemals abgeschlossen, auch nach seinem Tod nicht, denn dann bleiben Zeugnisse seiner Unendlichkeit in Form seiner Werke zurück (bei einem Künstler sind dies Kunstwerke, die weder materiell noch dauerhaft sein müssen, sondern auch eine Legende, eine Idee oder eine Dokumentation sein können).

Fotografien und Dateien